DOKU/ANIMATIONSFILM: ISRAEL, 2008
Regie: Ari Folman
Darsteller: -
Ari Folman hat seine Erlebnisse rund um seinen Einsatz im ersten Libanonkrieg verdrängt. Erst der Traum einer seiner Freunde lässt ihn in seine Vergangenheit eintauchen und Bilder kommen hoch, die er noch nicht ganz begreifen und zuordnen kann. Also begibt er sich auf die Suche nach seinen Erinnerungen.
KRITIK:Waltz with Bashir ist mit Sicherheit eines der innovativsten und vielschichtigsten Filmprojekte des Jahres. Jeder Mensch wird wohl einen anderen Zugang zu diesem Film suchen. Zeitgeschichte reiht sich an Antikriegsthematik, (Alb-)Traumanalyse an persönliche Erlebnisse.
Wie soll man sich da nur annähern? Wie soll dieser Film überhaupt kritisierbar sein? Ergäbe es einen Sinn zu sagen dieser Film sei gut oder schlecht, sei mühsam oder oberflächlich? Ich kann diese Frage nicht beantworten.
Vordergründig ist dieser Film natürlich eine Aufarbeitung des Massakers von Sabra und Schatila, wo die mit den Israelis verbündete christliche Gruppierung der Phalange-Milizionäre an die 3000 Palästinenser, großteils unbewaffnete Zivilisten, ermordet hat, um an ihnen den Tod ihres kurz zuvor gewählten Präsidenten Béchir Gemayel zu rächen. Der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon wusste übrigens von diesem geplanten Genozid ohne nennenswerte Schritte zu unternehmen. Für mehr als einen erzwungenen Rücktritt reichte dieser Tatbestand aber nicht...
Als Filmkritiker denke ich ist es aber viel interessanter zu versuchen eine andere Perspektive zu diesem Werk zu finden und ich denke dabei liegt ein Zugang besonders nahe: die Ästhetik. Immerhin wird hier eine Dokumentation im Gewande eines Animationsfilms präsentiert.
Dabei drängen sich natürlich so einige Fragen auf: Was ist Kunst überhaupt? Was darf Kunst? Wenn ich jetzt mal aus Adornos ästhetischer Theorie zitieren darf: "Schein sind die Kunstwerke dadurch, dass sie dem, was sie selbst nicht sein können, zu einer Art von zweitem, modifiziertem Dasein verhelfen; Erscheinung, weil jenes Nichtseiende an ihnen, um dessentwillen sie existieren, vermöge der ästhetischen Realisierung zu einem wie immer auch gebrochenen Dasein gelangt".
Die Kunst ist ungleich der Realität, selbst der bemühteste Naturalismus muss an der durch die Komplexität der Welt überforderten Wahrnehmung scheitern. Kunst muss vereinfachen um zu verarbeiten, Kunst muss zum Traum werden, Kunst ist der bewusst gewordene Traum. Ari Folman muss das irgendwo erkannt haben und verarbeitet seine und die Geschichten einiger Kameraden sowie anderer Beteiligter zu verstörend einfachen, aber dafür umso wirksameren Bildern, die sich mit geballter Kraft in unser Unterbewusstsein drängen.
Die Frage ist, warum ist das so, warum macht eine fliehende Zeichentrickmenschenmenge mit expressionistischen Zügen mehr Angst, warum berührt sie mehr als die echten Bilder, auf die sich der Film aus irgend einem Grund am Ende nicht zu verzichten traut, vielleicht aus mangelndem Selbstvertrauen, aus Misstrauen vor der Überästhetisierung.
Diese Kapitulation vor den "echten" Bildern war nicht notwendig oder nur soweit als sie eben bewiesen hat, dass sie nicht notwendig war. Die Kunst muss die Realität nicht kopieren, sie muss Wege finden sie begreifbar zu machen. Mit Waltz with Bashir ist dieses Unterfangen eindrucksvoll gelungen. Die Intensität des Filmerlebnisses, die ermüdende und fassungslos zurücklassende Härte dieser Visionen vermag nachhaltig zu verstören.
Philosophisch-ästhetische Albtraumanalyse eines der schlimmsten Massaker des ersten Libanonkrieges, die Sitzfleisch und Leidensfähigkeit abverlangt, aber trotzdem eine Sternstunde der Kinematografie darstellt. Nicht versäumen!!!!!