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Nacht der Gejagten

Nacht der Gejagten

OT: La Nuit des traquées
THRILLER: F, 1980
Regie: Jean Rollin
Darsteller: Brigitte Lahaie, Vincent Gardère, Dominique Journet

STORY:

Spitz wie ein Nagel ragt "der schwarze Turm" in die Nacht hinein: ein futuristisches, spiegelglattes, hochtechnisiertes und - wenn man will - lebensfeindlich anmutendes Hochhaus in dem Menschen, die sich - sozusagen - selbst verloren haben, ohne Antworten und ohne Hoffnungen vor sich hin darben. Sie haben nicht nur keine Erinnerung an ihr früheres Leben, sondern vergessen auch jeden und alles in dem Moment, in dem er/sie/es aus ihren Blickfeld verschwindet. Unter ihnen: die junge Elysabeth (Birgitte Lahaie), die das Geheimnis hinter dem lähmenden Alptraum entschlüsseln und gemeinsam mit einer Leidgenossin und mit Hilfe ihres Liebhabers Robert aus dem "schwarzen Turm" entkommen will ...

KRITIK:

Ich mag ja das Kino von Jean Rollin sehr, sehr gern - aber ich verstehe jeden, der mit seinen Filmen nichts anfangen kann oder sie sogar als langatmig, eintönig und sinnentleert empfindet. Immerhin entziehen sie sich ja tatsächlich allen herkömmlichen Sehgewohnheiten: zu sehr "out of Focus", zu "traumverloren", zu langsam, zu verstiegen, zu repetitiv - und sowieso keinem tradierten Narrativ verpflichtet.

Nicht jeder möchte einer cineastischen Lavalampe beim Blubbern zuschauen und nicht jeder findet sein Glück da darin, den verhuscht-orientierungslosen Damen, die durch surreale Gothicwelten defilieren in die glasigen Augen zu blicken oder an der Seite von halbsedierten, melancholischen Vampiren endlose Kreise durch modriges Gemäuer zu ziehen ...

Der blutrote Faden, der sich durch Rollis schlafwandlerischen Horror-Dramen zieht, ist eine entrückte Weltabgewandtheit und immer wieder das Setting: verfallene Burgen und Schlösser, verlassene Strände, halbverwahrloste Friedhöfe ... Aber es gibt einen Film, der eine Abkehr vom gewohnten Vampir-Thema und den gothic-artigen Locations darstellt: "Nacht der Gejagten" sucht sein (Un-)Heil nicht in langen Beißerchen, die sich in blassen Damenhälse versenken und verlässt auch die üblichen, dem Verfall preisgegebenen Stätten, um sich in ein (hyper-)modernes Setting zu begeben und von dort aus eine Geschichte abseits des bekannten Vampir-Themas zu erzählen.

Jean Rollin hat das Drehbuch zu diesem Meisterwerk in einer Nacht verfasst und den Film innerhalb einer Woche abgedreht. Der Cast rekrutierte sich fast ausschließlich aus dem (ansonsten eher) zeigefreudigen Fundus der Hardcore-Porno-Akteure, die hier einmal beweisen durften, dass sie mehr draufhaben, als ihre Genitalien in die Kamera zu halten und dem hochakrobatischen Matratzentango zu frönen. Und sie machen ihren eigentlich wesensfremden Job tatsächlich großartig! (Der Film wurde von einem Porno-Label produziert, für das sich Jean Rollin zu dieser Zeit verdingen musste, um halbwegs Butter aufs Baguette zu kriegen.)

Selbstverständlich ist die "Nacht der Gejagten" - wie bei Rollin üblich - mit einer Handvoll Splatter-Szenen und einigen Nakedeis gespickt ... ob diese Zutaten dabei helfen eine langatmige Zelluloidbelichtung mit ein wenig Kurzweil zu würzen oder ob solche selbstzweckhaften Szenen ein ungemein atmosphärisch-surreales Filmvergnügen doch eher ausbremsen - das muss jeder für sich selbst entscheiden.

"Nacht der Gejagten" wurde vom Wahnsinns-Label Wicked Vision im Rahmen der Jean Rollin Collection frisch gewaschen und gekampelt in ganz brillanter Qualität neu aufgelegt - und man hat auch einige spannende und hochwertige Extras mit drauf gepackt (ausführliches Booklet, Video-Essay von Pelle Felsch, Interview mit Brigitte Lahaie - undundund).

Im Übrigen empfiehlt es sich, "Nacht der Gejagten" im französischen Original (mit UT) anzusehen, da die deutsche Synchro die traumwandlerischen Qualitäten des Films gepflegt in die Tonne tritt.

Nacht der Gejagten Bild 1
Nacht der Gejagten Bild 2
Nacht der Gejagten Bild 3
Nacht der Gejagten Bild 4
Nacht der Gejagten Bild 5
FAZIT:

Die sonst eher im horizontalen Filmgewerbe sich lasziv räckelnde Birgitte Lahaie als schwer traumatisierte und verfolgte Unschuld ohne Vergangenheit. Das sollte eigentlich als Argument genügen, um diesen zauberhaften Silberling in den Player zu legen und durch Die Nacht der Gejagten zu irren. Wer sich gerne in hochatmosphärischen, (alp)traumwandlerisch inszenierten cineastischen Fieberphantasien verliert und nichts dagegen hat, auch mal in den niederen Gängen im Wahnsinn spazieren zu fahren, sollte sich dieses Meisterwerk von Jean Rollin nicht entgehen lassen!

WERTUNG: 8 von 10 Gejagten der Nacht
Gastreview von Dieter Oitzinger
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