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Keine Zeit zu sterben

Keine Zeit zu sterben

OT: No Time to Die
ACTION: GB/USA, 2020
Regie: Cary Joji Fukunaga
Darsteller: Daniel Craig, Léa Seydoux, Rami Malek, Lashana Lynch, Ralph Fiennes, Ben Whishaw

STORY:

Daniel Craigs letzter Auftritt als Bond ...

KRITIK:

Wie viele Bond-Fans braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? - Zehn. Einer wechselt die Birne, und die restlichen neun beschweren sich, dass früher alles besser war.

Wer mich kennt, weiß, dass ich - egal, in welchem Kontext - nur höchst ungern in dieses Lied einstimme, wonach früher angeblich alles besser war. Einen beträchtlichen Teil der alten Bond-Filme habe ich als gute Kindheitserinnerungen abgespeichert. Und dabei soll es bleiben. Sporadische Neu-Sichtungen ruinierten nämlich bloß die guten Erinnerungen. A VIEW TO KILL beispielsweise, erst vor kurzem wiedergesehen, ist erschreckend schlecht gealtert. Das einzige, was da noch überzeugt, ist das Titellied von Duran Duran, einer meiner Alltime-Lieblingsbands.

Die Daniel Craig-Bonds - und damit sind wir in der Gegenwart - bemühten sich von Anfang an, die Konventionen des Franchise zu unterlaufen. Neue Wege zu beschreiten. Das Franchise - nein, nicht neu zu erfinden, aber in die Gegenwart zu transformieren. Mit bisweilen unerwarteten Auswirkungen. Wie ich dem höchst hörenswerten FM4-Filmpodcast entnehme, sah sich die Firma Sony 2006 nach dem Homevideo-Release von CASINO ROYALE mit Reklamationen konfrontiert. Eine erkleckliche Anzahl von Kunden hatte die Schwarz-Weiß-Sequenz, mit der der Film beginnt, für einen Fabrikationsfehler der DVD gehalten.

Daniel Craig, da sind sich Freund und Feind einig, hat die Bond-Figur geerdet. Von der superheldenähnlichen Kunstfigur auf das Format eines Normalsterblichen herunterskaliert. Und ihr gleichzeitig eine enorme physische Präsenz verschafft, die den leicht versnobten, Martini schüttelnden Larger-than-life-Figuren (no offense, Sir Connery) abgegangen ist. Bond Anno 2021 darf schwitzen, bluten und schnaufen. Plötzlich sind Witze über sein ramponiertes Knie erlaubt. Er ist "auch nur ein Mensch", um einen österreichischen Plötzlich-Ex-Bundeskanzler zu zitieren.

Und noch etwas ist neu: Es gibt Emotionen. Ganz große Emotionen. NO TIME TO DIE ist fast schon mehr Melodram als klassischer Actionfilm. Einen beträchtlichen Teil des mit 163 Minuten längsten Bond-Abenteuers ever nimmt die Liebesgeschichte - ja, richtig gelesen - zwischen James Bond und Madeleine Swann (großartig wie immer: Léa Seydoux) ein.

Für manche war das dann doch zu viel Melodram: "Was für eine Kitschorgie", schimpfte Facebook-Freund Toni. Ich konnte nicht öffentlich widersprechen, weil ich gesperrt bin. Andere Geschichte ... 

Schon der Einstieg ist ein Wahnsinn. Meines Wissens - korrigiert mich, wenn ich falsch liege - ist das der erste Bond-Prolog überhaupt ohne Bond. Vielmehr wirkt diese enorm suspensegeladene Szenerie wie aus einem Horrorfilm. Der maskierte Killer, der in ein Haus einsteigt. Eine Frau aus nächster Nähe erschießt. Ihr Kind aber verschont. Einen harten Schnitt später wissen wir, wer dieses Kind, das übrigens verblüffend gut mit Schusswaffen umgehen kann, ist: Madeleine Swann, Bonds große Liebe. Einen zweiten atemberaubenden Prolog später wird er sie in einen Zug setzen und schwören, sie nie wieder zu sehen. In der irrigen Annahme, sie habe ihn an Spectre verraten.

Dann setzt der Vorspann mit dem Titelsong von Billie Eilish ein. Und ich frage mich, ob die Gänsehaut je wieder weg gehen wird. Nicht wirklich. Die Sets sind wie immer unglaublich spektakulär. Die Verfolgungsjagd zu Fuß, mit Motorrad und Autos durch die Altstadt von Matera in Italien. Die Kampfsequenz in Havanna, die wie eine Tanzszene choreographiert ist. Die Szenen im norwegischen Wald, wo Bond, mit einem Kind auf dem Arm, durch den Nebel schleicht, das alles wirkt schlicht atemberaubend und sollte im größtmöglichen IMAX-Saal gesehen werden. Bond im Heimkino, auf einem Laptop vielleicht noch? Ne, vergiss es. Die ausgesprochen guten Einspielergebnisse lassen ja hoffen, dass das Kino, allen Corona-Unkenrufen zum Trotz, doch noch eine Zukunft hat.

Ob auch das Bond-Franchise eine Zukunft hat? Nach diesem unglaublichen Ende, das hier natürlich nicht gespoilert werden soll. Das mich geplättet und überwältigt zurückgelassen hat. Ich wüsste beim besten Willen nicht, wie es jetzt noch weiter gehen soll.

Keine Zeit zu sterben Bild 1
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FAZIT:

Dass der letzte Bond mit Daniel Craig mit großartigen Actionsequenzen und unglaublichen Set-Designs aufwarten würde, ist keine Überraschung. Überraschungen satt liefert hingegen die Geschichte. Kitschorgie, sagen die einen. Taschentücher bereithalten, sage ich. Und: Film des Jahres.

In diesem Sinne: "Sie hat deine Augen!"

WERTUNG: 9 von 10 Raketen
Dein Kommentar >>
Eisenmichi | 15.10.2021 05:28
In meinen Augen der mit Abstand schlechteste Film der Reihe. Fürchterlich, was aus dem verwegenen Draufgänger und Playboy geworden ist.

Und auch der Rest ist sowas von überladen, glattgebügelt und bescheuert, dass dies der einzige Bond bleiben wird, den ich mir ganz sicher kein zweites Mal antuen werde.

Ein Mythos wurde mit diesem unsäglichen Machwerk vollends zerstört.
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