GIALLO(?): DK/USA, 2026
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Sophie Thatcher, Charles Melton,Dougray Scott, Havana Rose Liu, Kristine Froseth, Diego Calva
Schwierig, schwierig. Versuchen wir es mal so: In einer futuristischen Stadt begibt sich junge Frau namens Elle (Sophie Thatcher) auf die Suche nach ihrem Vater. Ihr Schicksal scheint mit dem eines US-amerikanischen Soldaten verknüpft zu sein, der verzweifelt versucht, seine eigene Tochter zu retten. Und da war noch ein mysteriöser Killer, der "Leatherman".
Der erste Nicolas-Winding-Refn-Film seit zehn Jahren - und ihm eilt, wie eigentlich bei fast jedem Refn seit DRIVE, der Ruf des Publikums-Spalters voraus. Ein bisserl Applaus gab's am SLASH dann eh, bei der zweiten, kleineren Vorstellung im Metro. Aber auch leise Unmutsäußerungen. "Bitte net klatschen", sagt eine Frau beim Rausgehen.
HER PRIVATE HELL ist mehr Kunstinstallation als klassischer Film, spitzenmäßigst gemacht freilich: Kamera, Licht, Sound, Make-up, Kostüme, Dekors - alles unglaublich toll. Magnus Nordenhof Jøncks Neonbilder tauchen diese seltsame, jenseits von Zeit und Raum existierende Stadt in Violett, Rot und Blau. Der Komponist Pino Donaggio ersetzt den elektronischen Sound von Cliff Martinez durch einen opernhaften Orchester-Score. Sophie Thatcher (wir kennen und lieben sie aus COMPANION und MAXXXINE), Havana Rose Liu, Kristine Froseth und Charles Melton werden von Refn ins Bild gerückt, als wären sie Figuren in einem morbiden Giallo-Puppenhaus.
Wem es gelingt, sich in dieser abstrakten Science-Fiction-Giallo-Welt zu verlieren, sieht wahrscheinlich einen der Filme des Jahres, mit mysteriösen Vätern, bösen Stiefmüttern, einem maskierten Killer im Leder-Outfit, amerikanische Soldaten, Nebel, Neon und sehr, sehr schönen Menschen, die sehr, sehr ernst dreinschauen. Der GUARDIAN nannte den Film sehr schön einen "dreamy swirl of strangeness" und schrieb von einem "Nachtclub in der Hölle".
Wer aber, wie meine Geringfügigkeit, auch ein Mindestmaß an Erzählung und Emotions hinter den spektakulär schönen Gesichtern der jungen DarstellerInnen braucht, wird in diesem Mix aus Suspiria und Blade Runner (oder war's doch eher Schneewittchen und Star Crash?) öfter mal auf die Uhr schauen.
Diese Zeilen habe ich nach dem Kinobesuch spontan in mein Handy getippt. Bei der Recherche stoße ich dann aber auf eine Meldung, die mich den Film in einem ganz anderen (Neon)-Licht sehen lässt: Nicolas Winding Refn hatte im Sommer 2023 eine Nahtoderfahrung, bei der eine undichte Herzklappe zu einem Herzstillstand während einer Operation führte. "Ich lag im Sterben, während sich meine Lungen mit Blut füllten", sagte der dänische Regisseur beim Filmfestival in Cannes. Und schon vorher habe sich damals am Ende seiner Karriere gesehen und innerlich leer gefühlt.
Vor diesem Hintergrund ist es wohl gar nicht anders möglich, als HER PRIVATE HELL als eine künstlerische und persönliche Wiedergeburt zu sehen, die sich allen herkömmlichen Bewertungskategorien entzieht.
HER PRIVATE HELL startet am 12. November 2026 regulär im Kino.
Nicolas Winding Refns erstes filmisches Lebenszeichen seit 10 Jahren. Ein radikaler - und natürlich visuell atemberaubender Streifen, der nahezu völlig auf Narration verzichtet und einer Traumlogik folgt. Darauf muss man sich freilich einlassen. Man muss den Film aber auch vor dem Hintergrund seiner privaten gesundheitlichen Hölle sehen, die der dänische Regisseur im Sommer 2023 durchlebte. Damit entzieht er sich allen herkömmlichen Bewertungskriterien.