SATIRE/ACTION/KOMÖDIE: USA, 2011
Regie: Bobcat Goldthwait
Darsteller: Joel Murray, Tara Lynne Barr, Melinda Page Hamilton
Frank hatte einen schlechten Tag. Das nächtliche Babygeschrei aus der Nachbarwohnung treibt ihn in den Wahnsinn, seine Frau hat einen Jüngeren, seine Tochter will ihn nicht sehen, sein Boss feuert ihn wegen angeblicher sexueller Belästigung, und sein Arzt erzählt ihm, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Was macht ein Mann, der alles verloren hat? Er klaut ein Auto, besorgt sich eine Waffe und rächt sich an jenen, die er für sein Elend verantwortlich gemacht. Eine sechzehnjährige Schülerin schließt sich ihm an. Und gemeinsam ziehen Frank und Roxy eine Blutspur durch die Staaten ...
"Wonn da Hoss in mia mol aussa kummt, donn gehst in Oarsch, du gschissene Welt!"
(Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune)
Nach längerer Pause wieder ein Lebenszeichen aus der Kino Kontrovers-Reihe. Und was für eines! GOD BLESS AMERICA, geschrieben und inszeniert vom einstigen Police Academy (!)-Darsteller Bobcat Goldthwait, ist ein filmischer Amoklauf, der die vielfältigen historischen Vorbilder - Bonny and Clyde, Natural Born Killers, Taxi Driver, Falling Down - mit einer Extraportion schwarzen Humor zitiert und ins Hier und Heute überstellt.
Frank und Roxy sind ein Killerpärchen mit einer Mission und einem strengen Arbeitsethos: "I only wanna kill people who deserve to die" lautet das Credo von Frank, dem KIller aus Verzweiflung und Weltekel.
Zu sterben verdient haben u.a. Tea-Party-Mitglieder, rechtspopulistische Talkshow-Hosts oder einfach nur Leute, die im Kino telefonieren und sich über Sitzreihen hinweg lautstark unterhalten. Und weil Frank nicht bloß ein Maulheld ist, sondern ein Mann der Tat, zieht er im Kinosaal tatsächlich die Waffe und schießt die dauerquasselnden, handytelefonierenden Kulturbanausen über den Haufen.
Besagte Szene hat nach den tragischen Vorfällen von Aurora ihren Weg in die sozialen Netzwerke gefunden und dort erwartungsgemäß für massives Umverständnis bis Empörung gesorgt. Hey, it's only a movie, möchte man den Empörten zurufen. Und offen gestanden, bei so manchem samstagabendlichen Kinobesuch hätte ich mir einen wie Frank gewünscht, der die notorischen Schwätzer, Klingeltonfetischisten und und Popcornsackerlraschler im Kinosaal für immer zum Schweigen bringt, by any means necessary.
Wo wollen wir GOD BLESS AMERICAN nun einordnen? Ist dies eine subversive Satire, die die Gewaltbereitschaft der amerikanischen Gesellschaft ins Visier nimmt oder einfach nur ein zynischer Streifen, der unter dem Vorwand der Medien- und Gesellschaftskritik eine selbstzweckhafte Gewaltorgie abzieht? Ich tendiere klar zu Antwort Nummer eins. Und ich würde sogar so weit gehen, Autor und Regisseur Bobcat Goldthwait ein großes humanistisches Herz zu unterstellen. Sein Befund über den Zustand der (nicht nur) amerikanischen Gesellschaft ist richtig; lediglich die "Lösung", die Frank für sich gefunden hat, schießt ein wenig über das Ziel hinaus.
Während etwa Oliver Stone in NATURAL BORN KILLERS (mit dem GOD BLESS AMERICA häufig verglichen wurde) die Schuld für den allgemeinen Kulturverlust ganz klar bei den Medien findet, geht Bobcat Goldthwait einen Schritt weiter: Goldthwait kritisiert nicht die Medien, die die Menschen rund um die Uhr mit hirnlähmender Dauerberieselung zuschütten, sondern die Menschen, die eben jene hirnlähmende Dauerberieselung freiwillig und mit großer Leidenschaft konsumieren.
Die beste Satire kann aber nicht funktionieren, wenn einem die Figuren egal sind. Glücklicherweise ist dies hier nicht der Fall: Joel Murray (der jüngere Bruder des berühmten Bill Murray) und Tara Lynne Barr sind sehr gute Schauspieler, die die Figuren in einem eigentlich sehr cartoon-haften Film zum Leben erwecken, so dass sich beim Zuseher echtes Mitgefühl einstellt.
Aber vielleicht hat mir der Film auch nur deshalb so gut gefallen, weil hier die junge Generation auf einen alten Sack hört und ihn cool findet. ;-)
Was ist aufregender, als sich selbst umzubringen? Richtig: Tea-Party-Anhänger, Schwulenhasser, reiche Gören und Rassisten umzubringen.
In GOD BLESS AMERICA zieht ein ungleiches Killer-Pärchen eine schwarzhumorige Blutspur durch die Staaten, als hätte John Waters ein Remake von Natural Born Killers gedreht. Killing in the Name of Nächstenliebe, ziemlich böse und ziemlich lustig.