SATIRE: USA, 2026
Regie: Alejandro Gonzáles Iñárritu
Darsteller: Tom Cruise, Riz Ahmed, John Goodman, Sandra Hüller
Ölmagnat Digger Rockwell hat einen schlechten Tag: Seine geliebte 32-jährige Katze verwest ihm quasi auf dem Schoß, und eben ist seine größte Ölplattform explodiert - und mit ihr halb Grönland. Ein gewaltiger Eisberg treibt durch den Atlantik und ist dabei, eine historische Flutkatastrophe auszulösen. Da wird der Präsident aber mächtig sauer sein. Und das ist erst der Anfang ...
Tom Cruise hat auch einen schlechten Tag. Sollten die Branchenberichte recht behalten, könnte DIGGER der größte finanzielle Flop des Jahres, möglicherweise sogar der Filmgeschichte werden. Wie konnte das passieren? Ich weiß es nicht. Und ich habe definitiv keine Lust, auch nur eine einzige der hämischen, hasserfüllten Verrisse zu lesen, die gerade Print und Netz fluten. "Doctor Strangelove bei Temu bestellt" hat irgendein Witzbold auf Facebook geschrieben, und das war noch eines der freundlicheren Kommentare.
Dabei ist der Film natürlich super. Ich habe seit jeher ein Herz für ambitionierte, originäre, größenwahnsinnige Filme, die sich auf gut Wienerisch gesagt nix scheißen, und die wahrscheinlich gerade deshalb bei Publikum wie Kritik mit Bomben und Granaten durchfallen. Lose, unvollständige Auswahl aus den letzten Jahren gefällig? BABYLON, JOKER: FOLIE A DEUX, THE COUNSELOR, MOTHER!, THE BRIDE! und jetzt neu in der illustren Runde der hoch-ambitionierten, cineastischen Scheiß-mich-nix-Geldverbrenner: Alejandro González Iñárritus DIGGER.
Reden wir kurz über Alejandro González Iñárritu: Der mexikanische Regisseur, der vorher unter anderem als Matrose und Radio-DJ gearbeitet hat, sorgte 2000 mit AMORES PERROS für Aufsehen. Es folgte seine Trilogie des Todes mit 21 GRAMS, BABEL und BIUTIFUL, drei Filme, an die ich kaum noch Erinnerungen habe, und bei denen ich mich auch nicht traue, meine uralten Kritiken aus den very early filmtipps-Days wieder zu lesen. Dürften nämlich eher peinlich sein. Anyway, ich schweife ab. Sehr gut erinnere ich mich hingegen an BIRDMAN, dieses manische, vor fiebriger Energie strotzende Psychodrama mit einem völlig entgrenzten Michael Keaton. Und natürlich THE REVENANT: Leo in einem Schneewestern/Survival-Drama mit einer unglaublichen Kamera von Emmanuel Lubezki und dieser irre Pferde-Szene, über die damals jeder geredet hat.
Iñárritu hat DIGGER gemeinsam mit Tom Cruise über viele Jahre hinweg entwickelt, und ohne Cruise wäre für so einen Stoff wohl niemals ein Budget von kolportierten 180 Millionen genehmigt worden. Das Ergebnis ist eine wahnwitzige Weltuntergangs-Brachialsatire mit einem völlig überdrehten Tom Cruise im Mittelpunkt: Das Gesicht unter Tonnen von Make-up versteckt, mit Fat-Suit und Halbglatze verkörpert der Superstar eine Karikatur eines Öl-Milliardärs, der gerade eine "leichte" Pechsträhne erlebt - was in diesem Fall bedeutet, dass der Planet mit ihm untergeht.
Auch wenn Cruise hier keine wahnwitzigen Stunts absolviert wie in MISSION: IMPOSSIBLE: Sein Körpereinsatz ist trotzdem irre. Allein diese zehnminütige One-Shot-Szene, wo er eine völlig - minimaler Spoiler: theatralische - Rede hält, ist die Kinokarte wert!
Mehr möchte ich gar nicht verraten, außer, dass nach circa 30 Minuten ein weirder WTF-Twist einem fast den Boden unter den Füßen wegzieht. Danach brauchte ich eine Zeitlang, um wieder in den Film zurückzufinden. Ja, DIGGER hat definitiv ein paar Überraschungen auf Lager. Und eines der ärgsten und unglaublichsten Schlussbilder, die man in den letzten Jahren gesehen hat.
Ich bin mir sicher, dass dieser Film, über den jetzt kübelweiseweise Häme ausgeschüttet wird, irgendwann als verkanntes Meisterwerk gelten wird. Besser jetzt ansehen. Am besten im Rahmen einer langen Film-Nacht im Zeichen des Weltuntergangs, mit BUGONIA, A HOUSE OF DYNAMITE, MOUNTAINHEAD, DON'T LOOK UP und auch Ridley Scotts THE DOG STARS. Der passt übrigens auch in die Liste superen und superteuren Flops oben. Wer den Film schon gesehen hat und eine ziemlich kluge Analyse lesen will (die notgedrungen Spoiler enthalten muss), dem sei die Kritik im GUARDIAN ans Herz gelegt.
Alejandro Gonzáles Iñárritu steckte Tom Cruise in eine groteske (und das Massenpublikum offenbar in Scharen abschreckende) Greisen-Maske und zeigt den Superstar als schwerreichen Öl-Magnaten, der die Welt in eine Katastrophe stürzt. Katastrophal waren auch die Kritiken und das Einspielergebnis - vollkommen zu Unrecht natürlich.
DIGGER ist ein missverstandenes Meisterwerk - wenn man bereit ist, sich auf eine brachiale Politsatire einzulassen, in der nichts ist, wie es scheint.